Sechseinviertel Minuten

Kurzgeschichten / Texte

„Die Eier sind grandios!“

Ich blicke zu Gudrun, unserer Gastgeberin, hinüber und versuche eine Reaktion auf den lobenden Ausruf ihres Mannes zu erkennen. Sie pustet sich in ihren kurzen Pony und ordnet so die Haare auf ihrer Stirn. Mit dem Löffel schlägt sie gezielt auf die Spitze des Frühstückseis und zertrümmert die Schale. Dann schiebt sie ihren Daumennagel unter die Schollen und löst diese vom Eiweiß. Stück für Stück wird der obere Teil vom Ei bis kurz über den Rand des silbernen Bechers freigelegt. Dann der Griff zum Salzstreuer. Gudrun scheint die Salzkörner abzuzählen, die sie achtsam platziert.

Ich habe bei der Beobachtung dieser Zeremonie vergessen einzuatmen und hole dies mit einem tiefen Seufzer nach.

Unsere Gastgeberin blickt zu mir herüber und lächelt. Dann dringt ihr Löffel wie ein breiter Dolch in die glatte weiße Oberfläche, balanciert den oberen Teil des Eis und legt ein goldgelbes Dotter in der Konsistenz von zerlassener Butter frei.

„Das Ei sieht wirklich gut aus“ pflichte ich Jürgen bei. Mein Frühstück steht noch unberührt vor mir. Vorfreude ist die größte Freude!

Clara, meine bessere Hälfte, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie ist bei uns am Wochenende für die Frühstückseier zuständig. Ich hole die Brötchen und sie deckt den Tisch. Dazu gehören auch die Eier. Nur ist das, was dann im Eierbecher landet eher ein Zufallsprodukt. Wie ein Kinderüberraschungsei, mehr für die Vorfreude geeignet, als eine Garantie für einen Genuss. Clara liebt es, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ich weiß, Frauen sollen das bekanntlich können. Aber scheinbar nicht immer. Am Sonntagmorgen ist kein guter Zeitpunkt für Multitasking. Im selben Moment den Schlaf aus den Gliedern zu bekommen, Morgengymnastik zu machen, Waschmaschine zu füllen, Haare zu kämmen und Eier zu kochen, das kann nicht immer klappen. Das geht auch manchmal schief. Zum Glück bin ich mit meiner Brötchenlieferung zuverlässiger.

Clara, meine Pragmatikerin, interessiert, wie solche zu Lobeshymnen anregende Produkte entstehen. Bei ihr sind es die üblichen sechseinhalb Minuten Kochzeit. Für eine Erwähnung in einer Gourmetzeitschrift reicht das nicht aus. Besonders, wenn aus sechseinhalb auch einmal sieben oder acht Minuten werden. Die Chinesen sollen hundertjährige Eier essen. Was soll`s?

Zu meinem Erstaunen ist es Jürgen, der seine leere Eierschale in den Becher zurück setzt und dozierend feststellt: „Eier gehören nicht in den Kühlschrank.“ Ich kenne meinen Freund schon seit Studentenjahren und das ist einige Zeit her. Ich weiß, dass er zu jedem Thema seinen Senf dazu geben muss, aber sein Interesse für die Küche ist mir neu. Bis dahin war ich der Auffassung, dass seine bessere Hälfte für die Arbeiten in der Küche zuständig ist.

Auch Clara hatte sich auf ein Gespräch von Frau zu Frau vorbereitet und blickte irritiert auf Jürgen. Gudrun zeigte keine Reaktion.

„Was, hast du die Eier gekocht?“, hake ich ein.

„Wer denn sonst?“ kontert er.

„Na du hast Nerven! Weißt du nicht, dass Eigenlob zu den Todsünden gehört? Dann hast du dich vorhin für deine eigene Leistung gelobt oder was?

„Klar, das macht doch sonst keiner.“ Jürgen grinst.

Gudrun bekommt das Lächeln einer Sphinx, lehnt sich zu ihrem Mann herüber und säuselt mit spitzem Mund: „Ach du Armer, wenn ich Zeit habe bedauere ich dich auch einmal. Sollten die in Stockholm bei der Vergabe des Nobelpreises für Physik nicht wissen wem sie ihn verleihen können, dann bin ich dafür, dass du für deine wissenschaftlichen Erkenntnisse im Umgang mit dem Frühstücksei geehrt wirst.“

„ Eigentlich steht mir der Friedensnobelpreis zu.“ Jürgen drückt seinen Rücken durch und sitzt nun kerzengerade da. „Wenn die Welt mein Wissen anwenden würde, gäbe es keine zu hart gekochten Eier mehr. Wie viele Konflikte könnten dadurch vermieden werden! Bei der globalen Aufgabe der Reduzierung von schlechtem Karma wäre die Menschheit einen großen Schritt weiter. Die Keimzelle der Gesellschaft ist nun einmal die Familie. Vielleicht könnte die Menschheit ohne Kriege auskommen.“ Jürgen reckt seinen Eierlöffel in die Luft und ruft: „Die Zeit ist reif, ich brauche einen Frack.“

Unser Witzbold schaut zu Clara und zu mir herüber. Sein Blick bewegt sich, wie bei einem Tennisspiel hin und her. Gewichtig wiederholt er seine Weisheit: „Eier gehören nicht in den Kühlschrank.“

Mein Blick trifft den meiner Frau. Bei uns liegen die Eier selbstverständlich im Kühlschrank. Meine Liebste hat viel zu viel Angst vor Salmonellen.

Clara winkt ab. „Das kann es nicht sein. Ich lege die Eier bevor sie in den Topf wandern in warmes Wasser. Nun rücke schon raus mit deinem Geheimnis. Gib zu, du benutzt einen Eierkocher.“

Angewidert stöhnt Jürgen laut auf.

„Im Keller stehen mindestens fünf Exemplare.“ Gudrun lacht kurz auf.

„Aber sie taugen nichts.“

Jürgen legt sein Messer zur Seite. Dann faltet er die Hände vor der Brust und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück.

„Das wäre ein Thema für „Jugend forscht“. Die Industrie versagt jedenfalls vollkommen bei diesem Thema. Ich nehme einen Topf, da kommt nur wenig Wasser hinein. Kaltes Wasser plus Eier. Die dürfen aber nicht aus dem Kühlschrank kommen!“

Clara beginnt zu kichern. „Ja, wir haben es verstanden.“

Jürgen spielt den Beleidigten.

„Ich kann mein Wissen auch für mich behalten. Mir tut nur Klaus leid, so muss er weiter Betoneier essen.“

Das war jetzt hart an der Grenze. Ich kenne meine Frau. Für diese Art von Humor fehlen ihr die Antennen. Die Antwort lässt nicht auf sich warten.

„Wenn meinem Schatz meine Eier nicht passen, kocht er sich selbst welche. Klaus ist nämlich schon erwachsen.“

Dabei streicht sie mir mit der flachen Hand über die Schulter, als entferne sie störende Schuppen von meinem Pullover.

In meinem Kopf formen sich die Zeilen eines alten Schlagers aus den zwanziger Jahren: „Mein Papagei frisst keine harten Eier, das ist ein selten dummes Tier…“ Ich muss jetzt irgendetwas sagen, sonst artet das kleine Scharmützel zum Gefecht aus.

„Pikst du die Eier auch an?“

Jürgen ist zufrieden, wieder die Hauptrolle einnehmen zu können.

„Das wird total überbewertet“, posaunt er heraus. „Die Notwendigkeit für diesen Pik redet uns doch nur die Firma ein, die diese Eierstecher herstellt. Sonst würden die auf den Dingern sitzen bleiben. Das ist ein gutes Beispiel für Verbrauchermanipulation.“

Dann schaut er wieder zu Clara hinüber.

„Willst du wirklich wissen, wie ich diese hervorragenden Frühstückseier fabriziere?“

Gudrun verdreht die Augen und wedelt mit den Händen, um ihren Mann aufzufordern, er möge es nicht so spannend machen und einfach fortfahren.

„Gemach, gemach, nicht drängeln. So viel Zeit werden wir doch für die wirklich wichtigen Dinge im Leben haben.“

Ich komme mir jetzt vor, als spielte ich in einem Sketch von Loriot mit. Mein Freund lässt sich nicht beirren.

„Wir haben einen Topf, kaltes Wasser und die Eier.“

„Nicht aus dem Kühlschrank!“

Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Gudrun prustet los. Fast hätte sie den Kaffee verschüttet. Aber Jürgen würdigt meinem Einwurf keine Beachtung. Auch Clara schüttelt nur missbilligend mit dem Kopf.

„Dann auf den Herd, Deckel drauf und zum Sieden bringen.“

Unser Meisterkoch legt eine Kunstpause ein. Die hält Clara aber nicht aus. Geduld ist nicht ihre Stärke.

„Und wie lange kochst du sie?“

Ich kenne die schauspielerischen Fähigkeiten meines Freundes, immerhin haben wir drei Jahre gemeinsam in einer Studentenbude verbracht. Um sie zu beruhigen, lege ich meine Hand auf den Unterarm meiner Frau.

Mein Gegenüber sonnt sich in seiner Rolle. Er lässt Clara noch einen Augenblick zappeln.

„Du musst genau den Zeitpunkt abpassen, wenn das Wasser zu sprudeln beginnt. Dann viereinhalb Minuten. Das kommt natürlich auf die Größe der Eier an. Dazu braucht man Gefühl. Darum funktionieren auch die Eierkocher nicht. Die haben eben kein Gefühl.“

Mit einem Schluck aus seiner Kaffeetasse signalisiert der Redner, dass er das Thema für abgeschlossen hält.

„Viereinhalb Minuten!“ Anerkennung liegt in der Stimme meiner Liebsten.

Ich schließe kurz meine Augen und denke, dass wird nie etwas. Aber laut sagen will ich es lieber nicht. Wer soll denn in unserer Beziehung neben dem Topf stehen bleiben und den richtigen Zeitpunkt abpassen, bis das Wasser zu sieden beginnt? Clara fehlt dafür die innere Ruhe. Was könnte sie in dieser Zeit nicht alles erledigen?

Dann bleibe doch nur noch ich. Und wer holt dann die Brötchen? Auch ich? Toll! Dann lieber Überraschungseier. Es besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass sie ab und zu die richtige Konsistenz besitzen.

Gudrun hat in der Zwischenzeit in Ruhe gefrühstückt. Sie kennt sicherlich das Lieblingsthema ihres Mannes zur Genüge und könnte als Synchronsprecherin dienen. Die Kaffeetasse in der Hand lehnt sie sich zurück und schmunzelt still in sich hinein.

Vielleicht sollte ich mich auch einmal um mein Essen kümmern. Clara und Jürgen sind nun bei Bio-Eiern angekommen. Das weitere Gespräch lasse ich an mir vorbeigleiten.

Jetzt bin ich dran, mich auf das wohlgeformte Exemplar in meinem Becher zu freuen. Meine Art an das Innere zu gelangen ist zugegeben martialisch. Mit einem gezielten Hieb meines Messers mime ich den Henker und bevorzuge die Enthauptung.

Wie weit kann man eigentlich seine Gastgeber strapazieren ohne gegen die Regeln des Anstandes zu verstoßen. Zum gekochten Ei mag ich kein Salz sondern süßen Senf. Nur habe ich vergessen, dies zum richtigen Zeitpunkt, bei der Vorbereitung des Frühstücks, zu erwähnen. Natürlich könnte ich mich jetzt auch einmal in mein Schicksal fügen und einfach das nehmen, was auf dem Tisch steht. Aber mein Innerstes verlangt nach Beachtung. Jürgen hat seine Rolle gehabt, jetzt bin ich dran. Das ist nur gerecht.

„Wo ist denn der süße Senf. Ich esse mein Ei nur mit süßem Senf.“

Leider ist es Gudrun, die reagiert. Ihr Mann hält gerade einen Vortrag über den Nachteil zu frischer Eier beim Kochprozess. Als die Gastgeberin aufspringen will, um mir meinen Wunsch zu erfüllen, versuche ich sie zurück zu halten. Sie lässt sich nicht beirren und verschwindet in der Küche.

Ich greife schon einmal den Löffel und lüfte die Spitze von meinem Ei. Ein sauberer Schnitt, keine Krümelei. So soll es sein. Aber der Rest ist ein Tohuwabohu, was ich mit einem lauten „Wow“ kommentiere. Gudrun steht mit dem Senfglas hinter mir und schaut über mich hinweg. Sie lacht laut auf. Entschuldigend legt sie mir ihre Hand auf die Schultern und betont, dass es ihr wirklich Leid tut. Jetzt sind auch unsere Partner aufmerksam geworden. Sie betrachten Gudrun und mich etwas ratlos. Doch Clara erfasst die Situation als erste.

Breit grinsend entfährt ihr ebenfalls ein “Wow“. Eine große Portion Schadenfreude schwingt in diesem Ausruf.

Um Jürgen auf die Sprünge zu helfen, zeige ich ihm das Innere des Eis. Normalerweise befindet sich das Eigelb ja umgeben vom Eiweiß in der Mitte des symmetrischen Gebildes. Normalerweise, nicht bei meinem Exemplar. Das Gelbe ist an den Rand gerutscht und hat die Härte eines Lehmklumpens. Dafür wabert eine weiße flüssige Masse in der Mitte.

Ich bin nicht mäkelig. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Ich stamme aus einer vorantiautoritären Zeit. Mit viel Senf ginge alles. Aber vor meinem Freund, dem Meisterkoch will ich nicht als Allesfresser dastehen.

Angewidert verziehe ich das Gesicht und genieße, wie das von Jürgen gerade entgleist.

„So ein Mist“, brüllt er in den Raum. Dann beginnt er zu stottern: Die, die, die lagern die Dinger immer wieder falsch. Wenn Eier falsch herum in die Verpackung kommen wandert das Dotter. Da, da kann man nichts machen. Dann kommt so etwas da-dabei raus.

Ungläubig sehe ich meinen Freund an. „Wandernde Dotter, übertreibst du nicht ein wenig.“

„Nein, nein, alles Ausschuss. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Wie würdest du die Eier in die Verpackung legen?“ Sein Zeigefinger zielt auf mich.

„Mit der dicken Seite nach unten“, antworte ich und spiele den Musterschüler.

„Eben! Das ist doch nicht schwer. Das sollten auch die Mitarbeiter auf dem Hühnerhof drauf haben.“ Seine Verzweiflung ist ihm wirklich anzusehen.

Mit abschätzigen Blick betrachte ich meinen Freund und brumme „wandernde Dotter“ vor mir her. Ganz langsam schüttele ich ungläubig mit dem Kopf. Eine Minute gebe ich mich der Genugtuung hin. Dann klatsche ich in die Hände, lache kurz auf und nehme Gudrun den Senf aus der Hand.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich. Selbst Dotter wandern unter seinem Himmelszelt. Guten Appetit.“

Das ist also die Geschichte von der Zubereitung von Frühstückseiern. Am Montagmorgen, nach dem Besuch bei Gudrun und Jürgen habe ich mich an den Computer gesetzt und meine Erinnerungen festgehalten. Meine Schaffensfreude war so groß, dass ich auch Jürgen daran teilhaben lassen wollte. Mit einem kleinen Klick lag die Geschichte auf seinem Schreibtisch. Die Technik macht es möglich. Der Meisterkoch ließ auch nicht lange auf eine Antwort warten.

„In einem Topf wird nur der Boden mit Wasser bedeckt. Dann kommen die Eier rein. Deckel drauf, Herd einschalten. Sobald das Wasser kocht, wird der Herd ausgeschaltet. Dann die Eier noch 4 Minuten drin lassen, wenn sie nicht im Kühlschrank waren.“

Habe ich das nicht schon so aufgeschrieben?