Pokémania

Kurzgeschichten / Texte

– 1 –

„Wie, sind schon wieder Ferien?“

Ich schaue von meiner Zeitung auf und zu Klara hinüber. Meine Frau hat gerade, mit einer immer wieder bemerkenswerten Präzision ihr Frühstücksei geköpft und reicht mir dessen Spitze. Nun ist es an mir, das Gleiche zu tun. Dies ist ein Ritual, welches sich aus der ersten Phase unseres Zusammenlebens herübergerettet hat. Am Wochenende gibt es ein gekochtes Hühnerei zum Frühstück und wir tauschen die Spitzen. Klara findet das romantisch. Man könnte natürlich auch behaupten, dass das Misstrauen in unserer Beziehung die Oberhand gewonnen hat. Aus Angst vor einer Vergiftung muss der eine vom Essen des anderen kosten. Das ist natürlich Blödsinn.

Ich lege die Zeitung zur Seite und greife mein Messer.

„Die Ferien sind dieses Jahr so früh und die Jungen kommen morgen. Darüber haben wir doch gesprochen.“

Klara unterstreicht jedes ihrer Worte mit einer Bewegung des Salzstreuers. Es kommt aber nichts heraus.

„Natürlich haben wir das. Du hast nur nie gesagt, dass es schon dieses Wochenende ist.“

Ich nehme Klara den Streuer aus der Hand, öffne ihn an seiner Rückseite und gebe etwas Salz auf ihren Teller.

„Verstopft.“

Ich lächle ihr zu.

Morgen kommen also unsere Enkel. Das machen sie jedes Jahr in den großen Ferien. Da ihre Eltern nicht so viel Urlaub haben bekommen wir Großeltern eine Aufgabe.

Moritz und Franz gehen schon eine ganze Weile in die Schule. Ein Wunder, dass sie sich immer noch zu dieser Woche bei Oma und Opa überreden lassen.

Früher freute ich mich auf die Kleinen. So kam ich auch einmal in den Zoo oder konnte mir Zeichentrickfilme im Kino ansehen. Ich liebe Animationsfilme. Versuchen sie als Mann einmal in einer Nachmittagsvorstellung einen Film zu sehen, der auf ein kindliches Publikum zugeschnitten ist. Es ist, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. Um sie herum werden die Kinder fortgerissen. Nur weit weg von diesem Mann. Der kann doch nur ein Päderast sein. Auf die Idee, dass er Kinoliebhaber ist, kommt keiner. Diese Blicke hält man  nur einmal aus. Das probiert niemand ein zweites Mal. Haben sie zwei kleine Knaben an der Hand, ist die Welt in Ordnung und alles unverdächtig.

In den letzten Jahren hatte das Bedürfnis unserer Enkel, mit uns Alten etwas zu unternehmen, rapide nachgelassen. Die Jungen wurden bei uns abgeliefert, packten ihr elektronisches Spielzeug aus und verschwanden in ihrem Zimmer. Wenn man sie störte, maulten sie.

Klara steht wenigstens noch in der Küche und ist glückselig, bei der Raubtierfütterung anwesend sein zu können. Im letzten Jahr beschlich mich das Gefühl, Moritz und Franz würden durch mich hindurch schauen. Außer, dass ich sie mit dem Auto von A  nach B bringen durfte, hatte ich keine Relevanz für sie. Im Alter stürzt der Mann im Rahmen der Familie in die Bedeutungslosigkeit.

– 2 –

Was ein Jahr ausmacht! Moritz und Franz sind kaum wiederzuerkennen. In ihren Gesichtern zeichnen sich die ersten männlichen Züge ab. Die Jungs sind gewachsen. Besonders die Arme. Schlenkernd hängen sie an ihnen herab. Wenn sie nicht, ja, wenn sie nicht das Handy in der Hand haben und darauf herumstreichen.

Bei Erwachsenen würde ich jetzt mit dem Wetter anfangen, um ins Gespräch zu kommen. Hier versuche ich es einmal mit der Schule.

„Wie war denn das Zeugnis?“

Als ob ich sie auf Chinesisch angesprochen hätte, sehen die beiden mich für einen Augenblick an.

„Okay“ und schon haben sie mich wieder aus ihrem Aufmerksamkeitsradius gestrichen.

Ich sehe zu Klara hinüber. Sie gibt mir mit einem Blick zu verstehen, dass ich mich zurückhalten soll. Schon gut, diese Woche werde ich auch überstehen. Jetzt werden unsere Enkel im Gästezimmer verschwinden und nur zu den Mahlzeiten herauskommen. Soll mir Recht sein.

Doch dieses Mal ist alles anders. Franz schreit ohne Vorwarnung ein mir unbekanntes Wort, „Pikachu“ und zeigt auf eine Stelle zwei Meter vor sich. Moritz wedelt mit seinem Handy und springt von einem Fuß auf den anderen.

Wir stehen in unserem Hausflur, ich verstehe die ganze Aufregung überhaupt nicht. Nun streichen die beiden, wie manisch über die glatte Fläche ihrer Geräte, als würden sie Mücken verjagen. Was ist nur in die Kinder gefahren. Was heißt hier Kinder? So klein sind sie auch nicht mehr.

Dann stößt Moritz seinem Bruder die Faust in die Seite und zeigt auf sein Tableau.

„Eine Arena“, sie reißen die Haustür auf und sind im nächsten Moment verschwunden.

Fragend sehe ich meine Frau an. „Was ist Pikachu?“ Sie hebt die Schultern und schließt die Tür.

Am Mittagstisch kommen die Zwillinge kaum zum Essen.

„Legt doch mal das Handy zur Seite. Was faselt ihr eigentlich die ganze Zeit?“

„Opa“, in ihren Stimmen liegt ein Ton, der irgendwie ihr Mitleid ausdrücken soll. Aber ich bin doch nicht senil. Ich stehe auf, gehe in den Flur und hole mein Handy.

„Los zeigt mir, was ihr da macht.“

Wieder kommt dieses „Opa“. „Doch nicht damit.“ Sie prusten los und wollen sich kaputt lachen.

Ich bin zufrieden mit meinem Mobiltelefon. Seit Jahren leistet es mir treue Dienste. Wenn ich bedenke, dass ich es von meinem Sohn, dem Vater dieser zwei Wunderknaben, gebraucht übernommen habe, bin ich besonders angetan von seiner Zuverlässigkeit. In den Augen meiner Enkel halte ich einen Faustkeil in der Hand.

Klara hat aufgehört den Tisch abzuräumen und schaut Moritz über die Schultern.

„Oh sind die niedlich!“, ruft sie aus. Ein begeistertes Lächeln lässt sie gleich zehn Jahre jünger aussehen.

„Wartet mal, wartet mal, das will ich auch.“ Sie stürmt aus der Küche. Als sie wieder zurückkehrt schiebt sich Klara zwischen die Jungs.

Jetzt ist es Franz der in Begeisterung ausbricht. „Mensch Oma, ein iPhone 6s, das gibt es doch gar nicht.“

Wo hat meine Frau dieses Telefon her? Schnippisch schaut sie zu mir auf.

„Mein Geburtstagsgeschenk. Du hast doch gesagt, ich soll mir etwas kaufen.“ In ihrem Blick blitzt Angriffslust.

Ich sage lieber nichts, das geht nur nach hinten los. Aber Klara scheint in ihrem Element zu sein.

„So, was muss ich machen?“ Sie jubelt regelrecht. Moritz und Franz lassen sich gern mitreißen.

„Wir richten Dir einen Account ein.“ Beide greifen gleichzeitig nach dem silberfarbenen Ding.

Und wer räumt jetzt den Tisch ab? Ärger steigt in mir auf. Nur weil Klara ihr Alter nicht akzeptieren kann, muss sie diesen kindischen Unsinn mitmachen. Kauft sich ein neues Handy, als ob das Alte es nicht auch noch gemacht hätte. Wie leicht sind die Menschen zu manipulieren.

„Was macht ihr da eigentlich?“

Das war jetzt bestimmt etwas zu laut. Die drei schauen erschrocken zu mir auf.

„Pokémon-go“, Moritz lässt sich dazu herab, mir zu antworten.

„Sieh doch, die kleinen Tierchen.“ Klara strahlt mich an.

„Pokémon“, verbessert Franz.

„Pokémons“, plappert Klara nach.

„Nein Oma, Pokémon“, Franz lässt nicht locker.

Sie winkt ab. Voller Konzentration beißt sie sich auf die Unterlippe.

„Da ist einer, da ist einer“, schreit meine Frau plötzlich und zeigt auf den Küchentisch.

Verwirrt schaue ich abwechselnd zum Tisch und zu Klara. Auf dem Tisch kann nichts sein, da steht ja noch das Geschirr vom Mittagessen.

„Ein Taubsi“, bemerkt Moritz desinteressiert. „Den habe ich schon so oft.“

Franz zeigt seiner Oma, wie man über das Handy wischt, um Taubsi zu fangen.

„Hurra, ich habe eine Taube.“ Klara tanzt regelrecht.

– 3 –

In den nächsten Tagen sind meine Frau und die Zwillinge ständig in der Stadt unterwegs. Das gemeinsame Mittagessen fällt einfach aus. Klara begründet es damit, dass sie so viel Zeit wie möglich mit ihren Enkeln verbringen will. Ich könne ja mitgehen, es soll interessant sein. Das kann ich mir aber nicht vorstellen, doch am dritten Tag ist es mir zu dumm. Ich rufe Klara an und frage, wo sie jetzt ist.

Im Park hinter der Oper stockt mir der Atem. Die gesamte Grünfläche, jeder kleine Fleck ist von jungen Leuten besetzt. Jeder hält ein Handy in der Hand. Sie scheinen in Trance gefallen zu sein. Ihre gesamte Konzentration ist darauf fixiert. Fehlt nur noch, dass sie im Takt ihren Oberkörper vor und zurück bewegen.

Ich bin kein ängstlicher Mensch. Jedenfalls machen mir Dinge, die ich mir erklären kann, keine Angst. Gewitter zum Beispiel, mir ist klar, dass es sich um elektrische Entladungen handelt und es gibt Regeln, diesen zu entgehen. Das aber, was ich hier in diesem Park erlebe, ängstigt mich. So viel gleichgeschaltete Menschen, das hat doch System. Aber, ich kann es mir nicht erklären. Oder bin ich einfach zu alt? Ich bin jetzt dreiundsechzig, das ist doch kein Alter. Früher wurde man, wenn man in die Jahre kam, als weise betrachtet. Heute denken die jungen Leute, weil man nicht jede Mode mitmacht, dass man zurückgeblieben ist. Mode dient der Steuerung und Fremdbestimmung der Bürger. Das ist ja gerade der Vorteil des Seniorendaseins, man muss nicht mehr jeden Unsinn mitmachen.

Wo ist denn jetzt aber meine Angetraute mit den beiden Strategen? Es braucht einige Zeit bis ich die drei im Wirrwarr der Menschen entdeckt habe. Da sitzen sie auf der Erde und haben ihren Spaß. Ich bleib erst einmal noch stehen und beobachte das Szenario. Klara ist nicht wiederzuerkennen. So verspielt kenne ich sie gar nicht. Was ist nur in sie gefahren?

„Brot und Spiele“, geht es mir durch den Kopf. Klar, schon die alten Römer haben das Prinzip erkannt. Wenn die politische Situation in Schieflage gerät, wird das Volk mit Spielen besänftigt. Das funktioniert eben auch noch heute. Da sage mir jemand, die Menschen sind mündiger geworden.

Jetzt schauen Klara und die Jungs zu mir herüber und wedeln mit den Armen. Langsam bahne ich mir einen Weg. Es ist nicht so einfach, den Fuß zu setzen und niemand zu treten.

Schon von weitem ruft mir meine Liebste entgegen: „Wir sind im roten Team!“

Was heißt denn das nun schon wieder? Bin ich jetzt auch im roten Team? Wenigstens fragen hätte man mich doch vorher können. Sollte ich jetzt mein Steinzeithandy herausholen und so tun, als würde ich dazu gehören?

Nervös versucht Klara mich durch Handzeichen zum Hinsetzen zu bewegen. Ich will mich aber nicht auf die blanke Erde niederlassen. Meine Frau versteht meinen stillen Protest aber nicht.

„Wir gewinnen, wir gewinnen“, ruft sie. Die jungen Leute um sie herum schauen nur kurz auf, schütteln mit dem Kopf und grinsen still in sich hinein. Oh, ist das peinlich! Irgendwie hat das alles etwas von einem buddhistischen Meditationskurs, nur Klara hat es noch nicht begriffen.

Moritz und Franz legen ihr die Hand auf die Schultern und wollen ihre Oma beruhigen. Sie will aber nicht einlenken. Wenn diese Frau gewinnen will, dann hält sie nichts zurück. Ich bin lange genug mit ihr verheiratet und weiß wovon ich rede. Unentwegt hantiert sie mit ihrem iPhone herum und nimmt ihre Umwelt nicht mehr wahr.

„Das geht nicht Oma, wir sind zu schwach“, gibt Franz kleinlaut zu bedenken. Er muss es zwei Mal sagen, bevor seine Oma reagiert.

„Was heißt, zu schwach“, ranzt sie ihn an.

Jetzt wird es gefährlich, denke ich. Aber Franz lässt sich davon nicht beeindrucken.

„Wir brauchen stärkere Pokémon oder müssen Eier ausbrüten.“

„Na dann“, Klara erhebt sich, scheinbar entschlossen, zur Tat zu schreiten.

Eier ausbrüten? Jetzt weiß ich, warum hier alle auf der Erde sitzen. Die ganze Welt ein Hühnerhof. Hoffentlich sind da keine Kuckuckseier dabei. Hier weiß doch bestimmt keiner, was hinter den Kulissen gespielt wird. Wenn aus den niedlichen Fabelwesen irgendwann Monster werden, Pokémonster? Welchen Einfluss können virtuelle Wesen auf unser Denken, auf unser Leben nehmen? Wie real können sie werden? Fast auf der ganzen Welt gibt es diese Monster schon. In jeder Ecke scheint ja eins zu sitzen. Das ist wie mit der Radioaktivität. Man braucht einen Geigerzähler, um sie zu sehen. Hier reicht eben ein Smartphone. Das sind Monster, die irgend ein japanischer Designer in niedliche Kostüme gesteckt hat. Wölfe im Schafspelz. Wenn ich nur meine Frau ansehe, wird mir Angst. Sie ist doch in hohem Grade gefährdet. Schon wieder denke ich über Angst nach. Das ist doch nicht normal. Gibt es auf der Welt nicht genügend Dinge, um die man sich kümmern müsste?

– 4 –

Kurz vor dem Abendessen bemerkt die Hausfrau, dass keine Butter mehr vorrätig ist. Unsere Enkel haben sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert. Vielleicht haben sie auch Befürchtungen, dass ihre Großmutter schon wieder mit ihnen auf Tour ziehen will.

So ist es an mir, in den Supermarkt zu gehen. Bevor ich die Haustür hinter mir schließe, höre ich Klaras Stimme. Was gibt es denn jetzt noch? Ich begebe mich wieder in die Küche. Meine Frau streckt mir ihr Handy entgegen.

„Kannst du das mitnehmen?“

„Was soll ich damit? Ich habe ein eigenes.“

Sie steckt mir das Ding in die Tasche.

„Aber nicht anfassen. Du brütest jetzt ein Ei für mich aus.“

Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Jetzt soll ich solch ein Vieh auch noch in meiner Jackentasche mit mir herum tragen.

„Nein, das mache ich nicht.“ Demonstrativ lege ich das iPhone wieder auf den Tisch.

„Spielverderber!“, raunst mich meine Liebste an. Ihre Augen verengen sich gefährlich zu einem Schlitz.

Was soll ich ihr sagen? Ich will nicht, dass noch mehr von diesen unsichtbaren Wesen unsere Wohnung bevölkern. Meine Frau wird mich nicht verstehen. Für sie sind diese Monster ja auch nicht unsichtbar. Sie freut sich über jedes neue Untier und füttert es, damit es größer und gefährlicher wird. Ich bekomme einfach das Bild mit dem Kuckuck nicht aus dem Kopf. Da sind es auch die Nestbesitzer, die den fremden Vogel füttern. Bis er ihre Jungen und dann sie selbst aus dem Nest wirft. Wenn ich wenigstens verstehen könnte, wie das alles funktioniert. Wie konnten sich diese Massen von Pokémon überall ausbreiten und durch jede Ritze kriechen. Ich kapiere es nicht. Fast war ich schon so weit zu akzeptieren, dass ich auch ein Smartphone benötige. Aber dann kam mir der Verdacht, dass dieser Konsumzwang ein Teil der Strategie sein könnte. Um wachsen zu können, braucht die neue Macht Diener. Diesen gibt sie ein Gerät in die Hand, um sie fester an sich zu binden. Ich weiß das und denke trotzdem darüber nach, mir ein solches Gerät zu kaufen, mich der Macht auszuliefern.

Ich fühle mich wie in einer Zwickmühle. Egal was ich unternehme, ich kann nur verlieren.

Klara hat inzwischen ihre Schuhe angezogen und beschlossen, dass sie mitgehen will. Wie sie mir zu erklären versucht, existiert sie nun nicht mehr allein. Es gibt auch ein virtuelles Ich. Das ist doch schizophren. Ihr virtuelles Ich muss Kilometer laufen, dass erzeugt scheinbar Wärme, damit virtuelle Eier ausgebrütet werden. Klara ist ehrgeizig. Ich wusste doch, dass meine Frau die Niederlage vom Nachmittag nicht so einfach wegsteckt. Meine Liebste neigt dazu, bei Dingen, die ihr gefallen, das Maß zu verlieren. Ich denke immer noch an ihre Schwangerschaft. Zugegeben, das ist schon Jahrzehnte her, aber damals war sie der Auffassung, dass frisch gepresster Möhrensaft gut für unseren Nachwuchs ist. Jeden Tag hat sie drei Kilogramm Möhren verarbeitet. Bis heute hat sie eine Allergie zurückbehalten. Aber sie ist unbelehrbar!

Nun sind wir gemeinsam auf dem Weg zum Supermarkt. Die Formulierung stimmt nicht. Klara ist mit ihrem iPhone auf dem Weg und ich trage die Einkaufstasche. Es ist nicht zu glauben. Wie ein Kind, welches ein neues Spielzeug von der Lieblingstante bekommen hat, freut sich meine Liebste über ihr virtuelles Ich. Sie findet es einfach süß.

Dann bleibt Klara abrupt stehen. Sie stammelt: “Hier ist ein Mewtu“. Ich glaube mich verhört zu haben und drehe mich zu ihr um. Dabei muss ich auf die Straße getreten sein. Mein „Wie bitte?“, bleibt mir im Hals stecken. Ein Radfahrer nimmt mich frontal. Ich stürze. Vor meinem Aufprall sehe ich noch das unnatürliche Blau des Himmels. In meinem Kopf verhakt sich der Gedanke: „Ist das jetzt echt oder…“. Ich muss auf den Hinterkopf gefallen sein. Der Notarzt hat eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Von der Unfallambulanz wurde ich zur Genesung nach Hause entlassen. Viel Ruhe wurde mir verordnet.

Also liege ich jetzt in meinem Bett, die Vorhänge sind zugezogen, so dass ich nur durch einen Spalt sehen kann, dass draußen die Sonne scheint. Ein Blick zeigt mir, Klara ist schon aufgestanden. Ich vermeide es, auf die Uhr zu sehen. Das stört meine Ruhe und meinen Genesungsprozess. Bevor mir die Augen wieder zufallen, erkenne ich, dass jemand im Raum ist. In der Ecke sitzt eines dieser Wesen. Es hat ein Gesicht wie ein Ameisenbär, eine gelbe Haut und trägt kaffeefarbene Hosen. Ein Haken in meinem Kopf löst sich und es formuliert sich die Frage vom gestrigen Tag: „Ist das jetzt echt oder bilde ich mir das nur ein?“

Warum sollten nur wir in der Lage sein, unser virtuelles Ich zu erschaffen? Warum sollten diese Wesen nicht auch die Fähigkeit besitzen, diesen Prozess umzukehren.