Eine Geige klingt anders

Kurzgeschichten / Texte

Meine beruflichen Verpflichtungen zwangen mich zu einem Ortswechsel. Es sollte nur eine begrenzte Episode von drei Monaten sein. Der Wechsel aus meinen Gewohnheiten in diese Kleinstadt kostete einige Überwindung. Ein tägliches Pendeln mit dem Auto wäre zwar möglich gewesen, aber es kam alles anders.

Schon am zweiten Tag am neuen Ort lernte ich Michael kennen. „Bruder Michael“, wie er sich vorstellte. Mein fragender Blick belustigte ihn.

„Mein Bruder sind Sie nicht“, entgegnete ich.

Eigentlich wollte ich in diesem Café nur meine Zeit bis zum nächsten Termin überbrücken. Nun sollte sich eine Weiche für mein weiteres Leben stellen.

Michael war katholischer Priester und lebte in einem Franziskanerkloster. Erstaunt betrachtete ich ihn genauer. An seiner Kleidung konnte man davon nichts erkennen. In meiner Vorstellung trugen Mönche eine Kutte und einen Strick um den Bauch. Ich wurde eines Besseren belehrt. Für Franziskaner ist die braune Ordenstracht ein Gewand für den besonderen Anlass. Bei Michaels Seelsorge im Krankenhaus und im Gefängnis war die Kutte eher hinderlich.

Nun bin ich nicht gerade ein gläubiger Mensch. Zwar evangelisch getauft, doch das hat, bei meiner ostdeutschen Vergangenheit, wenig zu bedeuten.

Gibt es einen Gott? Ich stelle mir diese Frage auch von Zeit zu Zeit. Dann regen sich in mir zwei Seiten, mein Verstand und mein Gefühl. Die Welt ist eine Verknüpfung von Gesetzmäßigkeiten und dem Zufall. Dazu braucht es kein höheres Wesen.

Aber weiß ich das? Das Universum ist so groß. Die Menschheit ist in der Unendlichkeit wie ein Ameisenhaufen auf der Erde. Auch das ist schon übertrieben. Ob Ameisen etwas vom Internet wissen? Aber es existiert!

Der Mann an meinem Tisch musste sich seiner Sache sehr sicher sein. Er war für seinen Glauben sogar ins Kloster gegangen. Wie kann man kurz vor dem 21. Jahrhundert ins Kloster gehen? Diese Frage musste ich mir in der folgenden Zeit selber stellen lassen.

Es war Dezember, die Witterungsverhältnisse hatten sich rapide verschlechtert und meine tägliche Route mit dem Auto über die Landstraße machte wirklich keinen Spaß. Dafür gefiel es mir in diesem kleinen Ort am Rande des Harzes von Tag zu Tag besser.

Ich zog also ins Kloster, bekam eine Zelle zum Wohnen und eine zum Malen. Platz war genug. Es war nur eine kleine Gemeinschaft von fünf Brüdern in die ich aufgenommen wurde. Wahrscheinlich betrachteten mich die Brüder als ihren Kanarienvogel, der nach Belieben aus dem Käfig hinaus und wieder hineinfliegen konnte, aber ansonsten für etwas Abwechslung sorgte.

Vom altehrwürdigen Kloster hatte der Weltkrieg nur eine lädierte gotische Hallenkirche stehen lassen. Der jetzige Zustand entstand in den fünfziger Jahren. Die Not lies damals nur zwei Kriterien gelten: funktional und solide. Das hier mitten in der Stadt ein katholisches Kloster überleben konnte, im evangelischen Kernland, nach zwei Diktaturen, war sicherlich nur der bis ins 13. Jahrhundert zurück reichenden Tradition zu verdanken.

Weihnachten stand vor der Tür. Eine Zeit, an dem auch die Katholiken, die das Jahr über die Kirche nicht von Innen sehen, ihren Glauben wiederfinden und von ihrem Hirten betreut werden möchten. Die Brüder hatten Stress. Selbst unsere Senioren, beide über achtzig, verbrachten ihre Zeit im Beichtstuhl.

Aber das Kirchenschiff brauchte eine dem Anlass entsprechende Dekoration. Der Weihnachtsbaum sollte aufgestellt und geschmückt werden. Bei seiner Größe benötigte man für das Putzen schon einen ganzen Tag. Das kleine Krippenspiel mit den wertvollen alten Holzfiguren brauchte seinen Platz.

Und für die Aufführung der Kinder sollte eine Ecke als Stall von Bethlehem ausstaffiert werden. Das Bühnenbild mit Kuh und Esel stand irgendwo im Keller.

Ich verstand die Botschaft des abendlichen Gesprächs. Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn jeder seine Aufgabe erkennt. Zeit war nicht mein Problem. Meine Vorbereitungen auf das Fest hielten sich in Grenzen. Also willigte ich ein, diese Aufgaben zu übernehmen.

„Dann musst du aber auch alles ordentlich sauber machen. Der Messias ist zwar in einem Stall geboren, wir müssen aber nicht in einem solchen predigen.“

Wenn man einen kleinen Finger reicht, ist schnell die ganze Hand weg.

Pater Balduin, der Vorsteher des Klosters, schaute mit einem ihm eigenen sanften Lächeln, zu mir herüber. Seine Hände hatte er auf seinen balkonhaften Bauch abgelegt. In geselliger Runde stellte er auch gern mal sein Weinglas darauf ab. Dann konnte Balduin ein kleines Nickerchen machen, ohne sein Getränk zu verschütten.

Ich hatte jedenfalls für die nächsten Tage meinen Auftrag. Besonders schwierig gestaltete sich der Aufbau eines sperrigen Holzgestells, welches eine Futterraufe vorstellen sollte. Die Prozedur erinnerte mich an den Umgang mit einem Klappliegestuhl. Meine Ungeschicklichkeit spiegelte sich in den Blessuren an meinen Händen wider. Nun sollte auch noch Stroh in die Raufe. Danach sah die Kirche aus, als wäre eine Herde Schafe durch ihre Halle gezogen.

Mit einem Besen ging ich ans Werk. Eigentlich wollte ich zur Mittagszeit fertig sein. Doch nun merkte ich, dass ich mich mit dem Strohliegestuhl verzettelt hatte. Wischen wollte ich auch noch. Da musste ich mich erst einmal stärken.

In der Küche stand ein Topf mit Nudelsuppe. An ein gemeinschaftliches Mittagessen war nicht zu denken. Valentin und Fridolin brachten ihren Altersbonus ein und strebten schon, als ich auf der Bildfläche erschien, ihrer wohlverdienten Mittagsruhe entgegen. Michael befand sich zur vorweihnachtlichen Seelsorge im Gefängnis und die anderen Brüder fuhren über Land, um Gottesdienste vorzubereiten. Meine Pause fiel kurz aus.

Dann nahm ich wieder den Besen in die Hand. Strich für Strich schob ich ihn vor mir her. Es hatte etwas Meditatives. Meine Gedanken beschäftigten sich mit dem Heiligen Abend. Ob Jesus wirklich in einem Stall geboren wurde. Das ist doch eine Botschaft. Wozu brauchen wir diese riesigen kirchlichen Paläste. Einen kleinen Stall hätte ich auch viel schneller ausgefegt. Ich hielt inne und betrachtete meine bisher vollbrachte Arbeit. Dann wurde ich auf ein Geräusch aufmerksam. Ein leises Wimmern, wie von einer fernen Geige, durchzog den Raum. Es war nur schwach, kaum hörbar. Durch Konzentration versuchte ich, die Richtung zu erfassen. Es gelang mir nicht. Bei diesem hohen Kirchenschiff mit seinem Nachhall konnte der Ton aus jeder Ecke kommen.

War ich nicht allein? Aufmerksam ließ ich den Blick schweifen. Ich konnte niemand sehen. Die Bankreihen standen leer vor mir. Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, stellte ich den Besen an die Wand und durchschritt auf Zehenspitzen den Mittelgang. Hatte sich in den Sitzreihen jemand versteckt? So abrupt, wie das Geräusch begonnen hatte verschwand es auch wieder. Sollte ich mich geirrt haben. Die Säulen, dachte ich. Vielleicht steht jemand hinter einer Säule. Soll ich hier veralbert werden? Versteckte Kamera in der Variante der Franziskaner. Ein wenig unheimlich wurde es mir schon. Von Geistern war bisher noch nicht die Rede gewesen.

Es herrschte wieder Stille. Also griff ich mir den Besen. Im gleichen Moment hörte ich es wieder. Eine Geige klingt anders. Das hörte sich nach einem leisen Weinen an.

Nun konnte ich auch die Richtung erkennen, woher das Geräusch kam. In dieser Ecke stand die Futterkrippe. Für solche Späße konnte in diesen Mauern nur Michael verantwortlich sein. Enthaltsamkeit hat manchmal die absurdesten Wirkungen.

„Michael!“, rief ich. „Michael lass den Unsinn. Das ist nicht lustig.“

Als Ergebnis wurde das Weinen lauter. Nun schulterte ich den Besen, wie ein Soldat beim Exerzieren und versuchte besonders cool zu wirken. Michael konnte sich nur hinter dem Papp-Esel oder der Kuh versteckt haben. Ich wollte ihn schon dahinter hervortreiben. Auf einmal herrschte wieder Stille. Mein Schatten war auf die Krippe gefallen. Dann konnte ich in das Holzgestell mit der Strohschütte sehen.

Tatsächlich, hier lag ein Kleinkind. Eingewickelt in eine verblichene karierte Wolldecke schaute es mich mit dunklen braunen Knopfaugen an. Das konnte keine Puppe sein. Die kleinen Hände schienen nach mir zu greifen.

Ein Baby kommt nicht einfach und legt sich ins Stroh. Da musste doch noch jemand sein. Selbst Gott hat die Hilfe von Maria benötigt, um seinen Sohn auf die Erde zu bringen.

Ich sah aber niemanden. Auch auf mein Rufen gab es keine Reaktion. Ein Kleinkind fällt nicht vom Himmel. Nicht einmal vor Heiligabend in einer Kirche.

Die Tür! Hatte ich die Tür nicht abgeschlossen? Ich war in die Mittagspause gegangen, ohne die Tür zu verriegeln. Vor dem Portal blies mir ein kalter Wind entgegen. Die Straße war leer. An ein Wunder konnte ich nicht glauben. Dann eher an eine Tragödie.

Was ist nicht alles in dieser Welt möglich. Dafür kann aber das Kind nichts. Schnell schloss ich die Tür wieder und stellte den Besen neben den Eingang. Sollte doch sauber machen, wer wollte. Ich hatte ein Kind zu betreuen. Hoffentlich war es ihm nicht zu kalt und Hunger musste es doch auch haben.

Als ich in die Augen des Kindes sah, klopfte ein mir unbekanntes Gefühl an die Pforte zu meinem Bewusstsein. Ich hatte keine eigenen Kinder. Dazu war es bisher nicht gekommen. Jetzt fühlte ich mich zu alt dafür. Doch auf einmal konnte ich das Gesetz der Küste nachvollziehen. Strandgut gehört dem Finder. Ein warmer Schauer erfüllte meine Brust. Sofort griff ich nach dem Bündel und drückte es an mich. Dann sah ich den Zettel. Er hatte unter dem Kind gelegen.

BITTE HILFE war mit ungelenker Schrift darauf geschrieben. Hilfe, ja Hilfe, aber wie? Ich wollte doch helfen. Was sollte ich tun? Dieses Bündel an meiner Brust brauchte meine Fürsorge. Ich spürte, wie das Kind sich an mich presste und ganz still geworden war. Aber vielleicht stimmte etwas mit dem Kind nicht. Es konnte ja krank sein.

Erst einmal mussten wir aus dieser kalten Kirche heraus. In meinem Zimmer gab es Wärme und ein Bett. Nur würde das nicht ausreichen, um ein Kleinkind zu versorgen braucht es mehr.

Was wusste ich denn, was ein Säugling benötigt. Nahrung, Kindernahrung und Windeln, eine Nuckelflasche und vielleicht etwas zum Anziehen. Es war der 24. Dezember, 13.30 Uhr. Die Geschäfte würden gleich schließen. Ich konnte mein Findelkind nicht allein lassen.

Mir konnte nur Michael helfen. Der seelsorgte im Gefängnis. Als er endlich an sein Handy ging, zischte er mir mit unterdrückter Stimme zu, dass er gerade in einem Gespräch sitze. Mir war das egal.

„Lass deine Knackis.“, brüllte ich ins Telefon. Die sitzen auch noch nach Weihnachten am gleichen Ort. Wir haben einen Notfall. Komm ganz schnell und bring bitte Windeln und Babynahrung mit.“

Meine Stimmlage musste meine Panik unterstrichen haben. Einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende. Dann fragte Michael: „Wie alt ist denn unser Kind?“

Jetzt musste ich auch über mich schmunzeln. Ich benahm mich, wie eine aufgescheuchte Glucke, wenn ein Greifvogel über den Hühnerstall kreist. Mit kurzen Worten berichtete ich von der eingetretenen Situation. Michael wollte die Polizei rufen. Die Polizei! Dann würde der oder die Kleine, ich wusste nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, in einem Kinderheim landen. Mein Baby in ein Heim, das ging doch gar nicht. Die gesamte Christenheit feiert die Geburt des kleinen Jesus und wir schieben unser Kind ins Kinderheim ab. Wo war ich nur hingeraten? So etwas durfte nicht möglich sein. Das musste auch Michael einsehen. Nach Weihnachten würden wir weitere Schritte einleiten.

Doch was würde Balduin und die anderen Brüder dazu sagen?

Wir hatten ein Mädchen bekommen. Kurz vor der abendlichen Weihnachtsandacht in der Kirche traf sich unsere kleine Gemeinschaft im Refektorium. Da uns die Bezeichnung „das Baby“ zu unpersönlich erschien, gaben wir der Kleinen den Namen Magdalena. Ein jeder wollte die Kleine einmal auf dem Arm halten.

Nur Balduin, der Vorsteher des Klosters hatte seine Hände auf seinem Bauch gefaltet und schien mit seinen Gedanken abwesend zu sein. Dann schlug die Glocke. In einer halben Stunde musste der Gottesdienst beginnen. Balduin hob den Kopf und schaute von einem zum anderen.

„Ein Kind braucht seine Eltern.“

Das war seine Entscheidung. Der Ablauf des Gottesdienstes wurde neu verteilt. Michael sollte die Predigt halten und alle ihm zur Seite stehen. Nur Balduin wollte neben dem Altar, vor der Gemeinde sitzen, Magdalena auf seinem Bauch abgelegt und über alles wachen.

Balduin war ein sehr kluger Mann. Inzwischen ist er schon ein paar Jahre verstorben. Er hatte, ohne Psychologie studiert zu haben, viel in die menschliche Seele geblickt. Wie groß musste die Not der Eltern sein, ihr Kind in andere Hände zu geben. Sie hatten so viel Vertrauen, ihr Kind in unserer Kirche abzulegen. Vielleicht bereuen sie es jetzt schon. Sie sollten eine Chance erhalten, ihr Kind und unsere Hilfe zu bekommen.

Ich postierte mich auf der Empore und konnte so die Gemeinde überblicken. Es gab viele Gesichter, die sonst nicht zum Gottesdienst erschienen. Es war eben Heiligabend. Aber wirklich Fremde konnte ich nicht ausmachen.

Pater Balduin mit dem schlafenden Kind sorgte für Aufsehen. Manche Besucher vertraten bestimmt die Auffassung, dass es eine moderne Form des Krippenspiels darstellen sollte. Das Christkind auf dem dicken Bauch der Mutter Kirche. Nur die erhoffte Reaktion blieb aus, die Eltern meldeten sich nicht.

Magdalena schlief in dieser Nacht in meinem Bett. Aus Angst, das kleine Würmchen zu erdrücken, suchte ich mir mein Lager auf zwei zusammengestellten Sesseln. An Schlaf war auf diese Weise wenig zu denken. Viel Zeit für Gedanken! Mein Leben zog an mir vorbei. Was sollte daraus werden? Habe ich in dieser Nacht Entscheidungen getroffen? Jedenfalls hat sich mein Leben verändert.

Noch im Jahr darauf traf ich Clara. Zwei Monate später saßen wir auf dem Standesamt. Heute toben drei Kinder durch die Wohnung. Unsere Älteste heißt Magdalena. Im letzten Jahr konnten wir sie adoptieren.

Vor drei Monaten ging im Kloster ein offizielles Schreiben aus der deutschen Botschaft in Bukarest ein. Eine Frau hätte Angaben über eine Kindesaussetzung getätigt. Man wollte wissen, ob es einen Vorgang zum Sachverhalt gibt. Ich schrieb einen Brief an die offizielle Stelle. Eine Antwort steht noch aus.